Donnerstag, 22. Mai 2008

Durchsetzungsmodus: Autorität

"Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!"
(Goethe, Faust I)
Seit Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen und seiner Konzeption des Sprachspiels, spätestens aber seit J.L. Austins How to do things with words wissen wir, dass "Worte" nicht das Gegenteil von "Taten" sind, sondern dass Sprechen tatsächlich zugleich immer auch Handeln bedeutet. Durch solche Sprechhandlungen können Gesetze erlassen werden, Sitzungen eröffnet, Kriege erklärt, Fehler verziehen, Antworten erbeten und Befehle erteilt werden. Was mit J.L. Austin begann hat unter dem Namen Sprechakttheorie bis heute enormen Einfluss auf das Verständnis, das Sprachphilosophen und Linguisten vom Sprachgebrauch haben.

In der Nachfolge von John Searle geht Daniel Vanderveken in seinem in Meaning and Speech Acts entwickelten Modell der Illokutionslogik davon aus, dass sich eine Sprechhandlung genau durch sechs Komponenten definieren lässt, darunter der sog. Durchsetzungsmodus einer Sprechhandlung. Während die Sprechhandlung ANFRAGEN für den Adressaten die Möglichkeit offen lässt, dem Anfragenden einfach eine negative Antwort zu erteilen, bedienen sich andere Sprechhandlungen, wie z.B. BEFEHLEN, des Durchsetzungsmodus der Autorität. Weil der Befehlende seine Machtposition ausspielt, wird es dem Adressaten sehr viel schwerer fallen, sich einem Befehl zu widersetzen als eine Anfrage negativ zu beantworten.

Ein lustiges Beispiel hierfür habe ich gerade auf xkcd gefunden. Nachdem der Befehl "Make me a sandwich" den Durchsetzungsmodus der Autorität benutzt, allerdings mangels tatsächlich vorhandener Autorität fehlschlägt, verschafft sich der findige Geek die für den Befehl nötige Autorität durch ein vorangestelltes Sudo. Wenn Kommunikation nur immer so einfach wäre... :-)

Dienstag, 20. Mai 2008

Web Trend Map

Schon etwas veraltet, aber ich hatte mir doch vorgenommen, diese Information zu bloggen: Seit zwei Wochen gibt es die neue Web Trend Map. Die 300 wichtigsten Webseiten auf einem Plan, der dem der Londoner U-Bahn-Plan ähnelt. Ein großes Pdf sowie eine verlinkte Webseite laden zum stöbern ein. Tatsächlich sind eine Menge an Webseiten dabei, auf die ich selbst öfter zugreife, wobei ich mir an diesem Punkt nicht sicher bin, ob ich in Anbetracht dessen, dass mir mein eigenes Main-Stream-Surf-Verhalten so deutlich vor Augen geführt werden kann, eher erleichtert oder eher peinlich berührt sein sollte. Wahrscheinlich beides zugleich. Viel Spaß beim Ansehen jedenfalls!

Where have all the speakers gone...?

"Der Spiegel" hat also den Rückzug der Rhetoriker ausgerufen. Was "der Spiegel" allerdings dabei beobachtet, ist schlicht und einfach ein Stilwechsel.

Jedes Jahrzehnt hat seinen eigenen Stil, seine eigene "Grundtonart", was die politische Rede angeht. Manche Jahrzehnte geben sich kämpferisch, andere eher nüchtern-sachlich. Manche Stiltrends setzen sich durch oder verstärken sich teilweise geradezu selbst, andere dagegen führen quasi zu ihrer eigenen Abschaffung. Stile stabilisieren sich, wenn eine große Anzahl an Akteuren davon ausgeht, dass eine ganz bestimmte Stilausprägung "normal" ist und "erwartet" wird, und daher die Notwendigkeit sieht, die eigenen Reden an dieser Stilart auszurichten.

Eines der obersten Gebote der Rhetorik lautet, dass man sich immer die Frage nach der Angemessenheit seiner Rede bzw. seines Textes stellen sollte - auch und gerade in puncto Redestil. Wer beispielsweise gezielt provozieren oder ein bestimmtes "unangepasstes" Image pflegen möchte, kann über gezielt "unangemessenen" Stil nachdenken. Wer ein Retro-Image pflegen möchte, kann natürlich darüber nachdenken, seine Rede im Stil vergangener Jahrzehnte zu halten. Ein Politiker der heute noch eine Bundestagsrede im Stile Herbert Wehners hält, macht sich damit stilistisch zum Akteur von gestern oder vorgestern. Das kann er bewusst so tun, jedoch ist dies nicht in jedem Falle vorteilhaft.

Die Jugend mag nicht mehr so sein, wie sie früher einmal war, aber sie dennoch - und gerade deshalb - die Jugend. Dasselbe gilt für die Rhetorik. Das Ende der Rhetorik und der Tod der Redekultur, welche bei jedem bemerkbaren Stilwandel in der politischen Redepraxis mit schöner Vorhersagbarkeit ausgerufen werden, sind noch lange nicht gekommen. Die Rhetoriker suchen sich nur in jedem Jahrzehnt andere Werkzeuge um zu wirken und betreiben dennoch - und gerade deshalb - Rhetorik.

Was ist eigentlich mit dem "Spiegel"? "Der Spiegel" ist immer noch, was er früher einmal war. Der Spiegel ist eben der Spiegel ist der Spiegel ist der Spiegel... Vielleicht sieht die Zeitschrift gerade deshalb in jedem Schritt, den sich die politische Redepraxis weiter von Stil und Gestus von "Herbert Wehner - Rainer Barzel - Willy Brandt - Franz-Josef Strauß - Helmut Schmidt - Otto Graf Lambsdorff" entfernt eine Verfallserscheinung anstelle einer Stilentwicklung.

1001 Nacht

"Unserem großzügigen, hochgebildeten und vornehmen Publikum sei hiermit kundgetan, daß dieses köstliche und sehnlich erwartete Buch mit der Absicht geschrieben wurde, einem jeden nützlich zu sein, der darin liest. Hier finden sich höchst lehrreiche Lebensgeschichten, dazu wunderbare Gedanken für Menschen von hoher Bildung. Man kann die Kunst der Rede aus ihnen ebenso lernen wie eine lückenlose Geschichte der Könige seit dem Anbeginn der Zeiten. Ich habe es 'Das Buch von Tausendundeiner Nacht' genannt. Dieses Buch erzählt auch prachtvolle Lebensgeschichten, durch die jeder, der sie hört, Menschenkenntnis erwirbt, so daß ihn keine Hinterlist mehr treffen kann. Darüber hinaus wird dem Zuhörer Erholung und Freude zuteil in Zeiten des Kummers über die Zeitläufte, die zu bösen Taten verführen wollen, doch Gott, der Erhabene, leitet uns auf die rechte Bahn."
Gerade ist mir eine Version von "Tausendundeine Nacht" unter die Hände geraten. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi, in der wunderschönen Übersetzung von Claudia Ott mit einem Nachwort zu Überlieferung und Übersetzung. Diese Überlieferung ist ein Fragment, daher endet das Buch nach der 282. Nacht.

"Tausendundeine Nacht" ist eine Faszination für sich, wahrscheinlich eine der besten Geschichten- und Gedichtesammlungen, die die Welt zu bieten hat. Die ältesten der darin enthaltenen Geschichten haben ihre Ursprünge anscheinend vor über 2000 Jahren in Indien, sind beispielsweise in buddhistischen Schriften des 1. Jhdts. v. Chr. überliefert. Die Erzählungen fanden wohl über das Persische Eingang in die arabische Literatur und wurden dort zu Perlen der orientalischen Erzählkunst geschliffen; neue Geschichten kamen hinzu, z.T. magische Abenteuergeschichten aus dem Ägypten des 11. und 12. Jahrhunderts. Ein autorloses Buch, mit variierendem Geschichtenbestand, oft fragmentarisch. Ein Buch der Volksliteratur voller Abenteuer, Erotik, Magie, Phantastik und Symbolik; ein "verbotenes" Werk, bei vielen gebildeten arabischen Lesern im Verruf und dennoch - gerade deswegen! - gerne gelesen. 1704 schließlich veröffentlichte der Franzose Antoine Galland eine französische Fassung von "1001 Nacht" erstmals in Europa, allerdings hielt er sich nicht streng an den Inhalt seiner arabischen Vorlage. Die Erfolgsgeschichte der Erzählungen aus 1001 Nacht in Europa begann. (Siehe das Nachwort von Claudia Ott.)

Allerdings ist es mir bisher noch nie in den Sinn gekommen, das ganze als Rhetoriklehrbuch zu lesen, wie die Vorrede hier nahelegt. Als Lehrbuch über die Kunst des Redens und des Geschichtenerzählens - was im Arabischen damals offenbar noch sehr viel enger zusammenhängt als heute bei uns; eine Sache, über die nachzudenken sich lohnen würde. Ursprüngliche, abenteuerliche, erotische Geschichten. Unerhaltsame Geschichten. Spannende Geschichten. Geschichten zum genießen, inhaltlich und stilistisch. Geschichten, die man gerne immer wieder hören mag. Geschichten, wie man sie vielleicht von einem "alten arabischen Caféhauserzähler" erwartet. Oder von einem Lügner, aber Lügner sind immer die besten Geschichtenerzähler. Jedenfalls kann ich es kaum erwarten, das Buch von vorn bis hinten durchzulesen.



Literatur:
Tausendundeine Nacht. Aus dem Arabischen von Claudia Ott. dtv: München 2006.

Donnerstag, 3. April 2008

Aktuelle Frage: Blog bekannt machen

"Ich habe ein auch Blog, aber kaum jemand kennt und liest es. Wie schaffe ich es, dass mein Blog bekannter wird?"

Der beste Artikel, den ich zu diesem Thema kenne, ist ein Artikel auf Software Guide: "Wie starte ich ein Blog und mache es bekannt?" Da sind wirklich alle grundlegenden Informationen drin, die man haben muss, um erfolgreich losbloggen zu können.

"Hinterlistige Ratschläge für kreatives Schreiben"

Gerade im Literaturcafé gelesen: Kurt Vonneguts hinterlistige Ratschläge für kreatives Schreiben:

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  1. Gehen Sie mit der Zeit eines wildfremden Menschen so um, dass er nicht das Gefühl hat, die Zeit verplempert zu haben.
  2. Geben Sie dem Leser mindestens eine Figur, der er die Daumen drücken kann.
  3. Jede Figur sollte etwas wollen, und sei es nur ein Glas Wasser.
  4. Jeder Satz muss eins von zwei Dingen tun: Charaktereigenschaften enthüllen oder die Handlung vorantreiben.
  5. Fangen Sie so nah am Schluss an wie möglich.
  6. Seien Sie Sadist. Egal, wie süß und unschuldig Ihre Hauptpersonen sind - lassen Sie ihnen schreckliche Dinge zustoßen, damit der Leser sehen kann, wie sie beschaffen sind.
  7. Schreiben Sie so, dass es nur einem einzigen Menschen gefällt. Wenn Sie ein Fenster aufreißen und es mit der ganzen Welt treiben, sozusagen, zieht sich Ihre Geschichte eine Lungenentzündung zu.
  8. Geben Sie Ihrem Leser sobald wie möglich soviel Informationen wie möglich. Soll die Spannung doch sehen, wo sie bleibt. Die Leser sollten so umfassend darüber Bescheid wissen, was wo und warum vorgeht, dass sie die Geschichte selbst zu Ende führen könnten, falls Kakerlaken die letzten paar Seiten gefressen haben.

Alles klar? Wenn nicht, gibt es noch einen lapidaren Nachsatz:

Der Mensch, der in meiner Generation die besten amerikanischen Kurzgeschichten schrieb, war Flannery O’Connor (1925-1964). Sie hat praktisch bis auf die erste jede meiner Regeln verletzt. Große Schriftsteller neigen zu so was.

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Was einmal mehr zeigt, dass gute Texte entstehen, wenn Autoren die Regeln beherrschen, und sehr gute Texte entstehen, wenn Autoren die Regeln beherschen und zugleich ein Gespür dafür haben, in welchen Fällen sie sie verletzen sollten.