Freitag, 1. Februar 2008

Betr.: PowerPoint

"Ich muss da so eine Präsentation machen und will PowerPoint benutzen. Wie mache ich das denn am besten?" - "Brauche ich überhaupt immer dieses PowerPoint, auch wenn ich nur 10 Minuten kurz ein paar Ergebnisse präsentieren soll?" - ... Fragen dieser Art werden mir immer und immer wieder gestellt, deshalb hier einige Gedanken zum Thema PowerPoint.



1. Vorab
1.1. Zwei Texte

Wenn Sie einen Vortrag mit PowerPoint vorbereiten, bereiten Sie theoretisch gesprochen zwei Texte vor:
  1. Zum einen den Text, den Sie mündlich vortragen werden,
  2. zum anderen den PowerPoint-Text (der nicht nur Wörter, sondern auch Grafiken, Tabellen, Bilder usw. enthalten kann - auch dies alles fällt hier unter die Bezeichnung "Text".)
Die beiden Texte können sich (bzw. sollten sich dringend!) im Vortrag aufeinander beziehen.

1.2. Verschiedene Hierarchisierungsmöglichkeiten

Außerdem können verschiedene Hierarchien zwischen beiden gelten:
  1. Der gesprochene Text kann den PowerPoint-Text klar dominieren, d.h. der PowerPoint-Text dient im weitesten Sinne der "Kommentierung" des mündlichen Texts;
  2. beide Texte können gleichwertig nebeneinander stehen;
  3. der PowerPoint-Text kann den mündlichen Text dominieren; wenn dies durchgehend gemacht wird, hat der Zuhörer oftmals den Eindruck, dass "Folien durchgeklickt" werden, ohne dass im gesprochenen Text substantielle Zusatzinformation zu den Folien gegeben würden. Ein solches "Folienklicken" wirkt auf die Zuhörer in der Regel negativ.
Während des Vortrags muss nicht strikt eine Hierarchisierung durchgehalten werden; es kann Passagen geben, in denen den mündliche Text den PowerPoint-Text klar dominiert (oder in denen es überhaupt keinen kommentierenden PowerPoint-Text gibt), sowie Phasen, in denen beide Texte mehr oder weniger "gleichberechtigt" nebeneinanderstehen usw.

1.3. Zwei Kanäle

Der PowerPoint-Text ist dabei ein Text, der über den visuellen Kanal übermittelt wird, während es sich bei dem gesprochenen Text natürlich um einen Text handelt, der über den auditiven übertragen wird. Wenn Sie beide Texte gleichzeitig benutzen, senden Sie damit gleichzeitig auf zwei Kanälen.

Es ist wichtig, dass Sie diese drei grundlegenden Punkte stets im Auge behalten.

2. Wozu dient PowerPoint?

PowerPoint ist also ein Instrument zur Visualisierung von Teilen Ihres Vortrags. Auf jeder Folie gibt es nur einen begrenzten Platz für Elemente (außer Sie machen die Elemente so klein, dass keiner sie mehr erkennen kann, was in der Tat häufig passiert).

PowerPoint ist also gut, um Zusammenhänge kurz und im Überblick graphisch darzustellen oder Sachverhalte zu visualisieren, die nicht oder nicht ohne erheblichen Aufwand mündlich vorgetragen werden können (Gliederungen, Bullet-Listen, Bilanzen, Schaltpläne, Mind Maps, ...).

PowerPoint ist in der Regel nicht geeignet dafür, komplexe Sachverhalte im Detail darzustellen.



3. Wie PowerPoint benutzen?
3.1. Lernen und PowerPoint


Unter den Menschen gibt es verschiedene "Lerntypen". Manche Menschen können sich Sachverhalte besser einprägen, wenn sie sie sehen (visueller Lerntyp), andere besser, wenn sie sie hören (auditiver Lerntyp), wieder andere, wenn sie sie selbst aufschreiben (motorischer Lerntyp) oder wenn sie sich darüber unterhalten (kommunikativer Lerntyp). Die meisten Menschen sind ein "Mischtyp"; dennoch haben sie einen oder mehrere Sinne, über den/die die aufgenommenen Informationen besonders leicht im Gedächtnis haften bleiben, während über andere Sinne nicht so leicht gelernt werden kann.

PowerPoint bietet nun (wie oben gesagt) die Möglichkeit, nicht nur über den auditiven sondern auch über den visuellen Kanal zu senden und damit verschiedene Lerntypen anzusprechen. D.h. Menschen in ihrer Zuhörerschaft, die schneller über das Hören lernen, prägen sich Ihren gesprochenen Text leicht ein, Menschen, die schneller über das Sehen lernen, prägen sich Ihren PowerPoint-Text leicht ein.

Nach dem Motto "viel hilft viel" versuchen deshalb Vortragede oft, voll auf allen Kanälen zu senden ("kumulative Methode"), um möglichst viel Gedächtniseffekt bei Publikum zu erreichen.

Doch hier ist Vorsicht geboten! Die mentalen Kapazitäten Ihrer Zuhörer sind nicht unbegrenzt. Manche Menschen sind in der Lage, eine Vielzahl an Sinnesreizen gleichzeitig zu verarbeiten und eine Vielzahl an Aufgaben gleichzeitig zu erledingen ("Multi-Tasking"). Andere dagegen können sich nur auf eine Sache zur gleichen Zeit konzentrieren. Ein Überangebot an Sinnesreizen ("Senden auf allen Kanälen") bewirkt dann oftmals, dass das Gehirn dieser Zuhörer nicht mehr weiß, auf welchen Reiz es sich konzentrieren soll. Es kommt zu einem "Hin-und-Her-Springen" der Aufmerksamkeitsfokussierung zwischen dem gesprochenen Text und dem PowerPoint-Text - und hinterher haben Sie Ihre Zuhörer zwar gründlich verwirrt, tatsächlich im Gehirn gespeichert wurden die von Ihnen vermittelten Inhalte jedoch nicht.


3.2. Aufmerksamkeitslenkung und PowerPoint

Das A und O bei der Vermittlung von Informationen ist neben einem strukturierten Vortrag vor allem eine erfolgreiche Lenkung der Aufmerksamkeit bei der Zuhörerschaft. Stellen Sie sicher, dass Ihre Zuhörer wissen, welcher Text in der Hierarchie gerade oben steht, welchem Kanal sie also gerade besonders viel Aufmerksamkeit widmen sollten. Verbalisieren Sie Hierarchieänderungen, wenn nötig.

Sagen Sie z.B.: "Ich zeige hier mal den Schaltplan und kommentiere gleich noch ein paar Sachen dazu." - In diesem Fall wissen Ihre Zuhörer, dass sie sich hauptsächlich auf den PowerPoint-Text konzentrieren können, während der gesprochene Text eher kommentierende Funktion hat.

Oder sagen Sie: "Ich zeige hier mal unsere letzte Bilanz, damit Sie einen Überblick bekommen, wichtig sind jedoch nur die drei rot markierten Zeilen, über die ich jetzt gleich ausführlich berichten werde." - Dann ist Ihren Zuhörern klar, dass sie sich nicht die Mühe machen müssen, die komplette Bilanz zu lesen, sondern dass der PowerPoint-Text nur einen visuellen Kommentar zu ihren gesprochenen Ausführungen darstellt.

Bedenken Sie auch, dass jeder neue Reiz zunächst die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich zieht. Wenn Sie also eine neue PowerPoint-Folie an die Wand werfen, wird eine große Zahl an Zuhörern die Aufmerksamkeit für Ihren gesprochenen Vortrag für kurze Zeit verringern und die Aufmeksamkeit für die neue Folie erhöhen. Schalten Sie also z.B. nicht mitten im Satz auf eine neue Folie um, wenn Sie sicherstellen wollen, dass Ihre Zuhörer das Ende des Satzes noch mitbekommen.



4. Wann PowerPoint benutzen?

Wann Sie PowerPoint überhaupt benutzen sollten, können Sie sich, unter Berücksichtigung der oben genannten Sachverhalte selbst überlegen, wenn Sie über folgende Punkte nachdenken:
  1. Was ist mein Thema? Gibt es da Elemente, die einer Visualisierung bedürfen?
  2. Welches sind die Vortragsmaßgaben? Habe ich z.B. nur fünf Minuten Redezeit zur Verfügung und sollte deshalb ein (schnell zu überblickendes) Schaubild an die Wand werfen, das sich die Zuhörer sich auf einen Blick einprägen können, weil für Details sowieso keine Zeit bleibt? Habe ich nur fünf Minuten und will aber eben kein Schaubild zeigen, um eine Übersimplifizierung der Sachverhalte zu vermeiden oder zu vermeiden, dass die Zuhörer meinem gesprochenen Text zu wenig Aufmerksamkeit widmen? ...
  3. Wie sind die Rahmenbedingungen? Gibt es beispielsweise einen Beamer in dem Konferenzraum, in dem Sie sprechen sollen, oder wäre es auch möglich, den visuellen Kanal dadurch zu bedienen, dass Sie etwas auf ein Flipchart zeichnen? ...
  4. Was sind die Gepflogenheiten? Wird beispielsweise von Ihnen erwartet, dass Sie PowerPoint benutzen, weil man Sie sonst für altmodisch, technisch nicht versiert usw. hält? Oder wird ein Einsatz von PowerPoint eher negativ bewertet, weil man Sie dann für einen Wichigtuer ansieht? Die Art des Mediums, die Sie benutzen, hat immer auch einen Effekt auf Ihr Image. Tatsächlich scheint PowerPoint ein besonders umstrittenes Präsentationsinstrument zu sein. In manchen Kreisen wirkt es sich ausgesprochen negativ auf das Image des Vortragenden aus, wenn dieser kein PowerPoint benutzt, während umgekehrt in anderen Kreisen die Devise gilt: Wer PowerPoint benutzt, produziert sicherlich nur heiße Luft und will sich wichtig machen.
5. Eine Bemerkung zum Schluss

Es scheint immer mehr in Mode zu kommen, die erstellten PowerPoint-Dateien nach dem Vortrag als "Gedächtnisstützen" an die Zuhörer zu verschicken oder im Netz online zu stellen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Es scheint jedoch mittlerweile vielfach so zu sein, dass diese PowerPoint-Texte inhaltliche Vortragszusammenfassungen oder Sitzungsprotokolle ersetzen sollen.

So ist es mehrfach vorgekommen, dass ich einer Person geraten habe, ihre PowerPoint-Folien nicht mit Bullets zu überfüllen, sondern lieber nur wenige übrgeordnete Punkte aufzulisten und den Rest im gesprochenen Text vorzutragen, worauf die Antwort war: "Aber die Folien werden hinterher an alle Teilnehmer gemailt und wenn es dann nicht auf den Folien steht, kann es keiner mehr nachlesen. Dann sehen die Leute ja praktisch nur die Überschriften, aber nicht den Inhalt."

Dazu muss gesagt werden: PowerPoint-Texte, die für den Vortrag gemacht wurden, sind nicht dazu da, Protokolle oder Vortragszusammenfassungen zu ersetzen. Es ist in 99% der Fälle unmöglich, PowerPoint-Texte so zu konzipieren, dass sie neben einem gesprochenen Text in einem Vortrag sinnvoll eingesetzt werden sowie gleichzeitig als sinnvolle Vortragszusammenfassung dienen können.

Die Bedürfnisse, die von einem visuellen Text für einen Vortrag bedient werden müssen, und die Bedürfnisse, denen eine Vortragszusammenfassung gerecht werden soll, sind viel zu unterschiedlich, um von ein und demselben Text gestillt werden zu können.

Falls ihr PowerPoint-Text tatsächlich eine inhaltliche Vortragszusammenfassung ersetzen soll, machen Sie zwei Fassungen: Erstellen zuerst eine ausführliche Fassung, die dann als Vortragszusammenfassung herumgemailt wird, und streichen Sie aus dieser alle für die Vortragssituation überflüssigen und verwirrenden Elemente. Das macht nicht besonders viel mehr Arbeit, erzielt aber einen besonders viel besseren Effekt beim Vortrag.



Bildnachweise

Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von Pixelio.de oder von Wikimedia Commons. Z.T. wurden die Bilder abgeändert. Die Originale finden Sie hier:

Göttliche Suada

In der Antike hatte die Rhetorik tatsächlich ihre eigene Göttin. Bei den Griechen hieß sie Peitho, bei den Römern Suada oder manchmal auch Suadela.

Zuständig war Peitho für die sanfte Überredung. Ein pikantes Detail dabei ist, dass Peithos spezielle Fähigkeit darin lag, junge Mädchen dazu zu überreden, ihre erotische Zurückhaltung aufzugeben; wer als Mann die Göttin Peitho auf seiner Seite hatte, dem war daher Glück in der Liebe sicher. In der griechischen Mythologie taucht Peitho unter anderem im Gefolge der Liebesgöttin Aphrodite oder des Hermes auf.

Heute bezeichnet der Begriff "Suada" meist nur noch einen Redeschwall oder einen nicht mehr enden wollenden Redefluss, obwohl sich laut Duden daneben noch die Bedeutungen "Beredsamkeit", "Überredungskunst" erhalten konnten.

Dass Rhetorik und Erotik in der Gestalt der Peitho/Suada eine nicht zu trennende Verbindung eingehen, könnte Ausgangspunkt für eine Menge interessanter Überlegungen sein, deren Ausführung ich momentan aber auf einen späteren Zeitpunkt verschieben muss. Kommentare und Anregungen sind natürlich willkommen.

Sonntag, 20. Januar 2008

Wie man über ungelesene Bücher spricht

Über ungelegte Eier spricht man nicht, sagt der Volksmund. Über ungelesene Bücher... nun ja.

Was würden Sie beispielsweise Ihrer Angebeteten antworten, wenn diese bei Ihrer ersten Verabredung plötzlich beginnt, von der unglaublich intensiven und sinnlichen Bildsprache des italienischen Renaissancedichters Alessandro Garberini zu schwärmen?

[1] "Alessandro Wer? Nichts für ungut, aber ich sehe da lieber fern. Die vielen kleinen, schwarzen Buchstaben auf so einer Buchseite machen mich immer ganz kribbelig. Schlimmer als eine Kolonne Ameisen im Hosenbein."
[2] "Garberini, hm. Persönlich bevorzuge ich ja Petrarca, aber das ist sicherlich Geschmackssache..."
[3] "Klar, Garberini. Was die sprachliche Elaboriertheit der Verse und die Dichte der Bilder angeht, ist Garberini einfach ein unübertroffener Meister. Vielleicht auch ein unübertreffbarer Meister, wer weiß."
[4] "Uff. Äh. Waren wir tatsächlich verabredet?"

Als wunderbar geistreiche Lektüre für alle Zeitgenossen, die sich mit diesem oder ähnlichen Problemen bereits herumschlagen mussten, oder möglicherweise für den Ernstfall gut vorbereitet sein wollen, bietet sich Pierre Bayards neuestes Buch an - in deutscher Übersetzung von Lis Künzli: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.

Was ist eigentlich ein Buch, das man nicht gelesen hat, fragt Bayard. Ist ein quergelesenes Buch nicht gelesen? Oder ein zur Hälfte gelesenes Buch? Ist ein Buch, dass man von vorm bis hinten gelesen, aber ganz oder zum Teil bereits wieder vergessen hat, gelesen oder nicht gelesen? Sind die Grenzen zwischen "gelesen" und "nicht gelesen" vielleicht fließender als man denkt? Und ist es daher vielleicht gar nicht so schlimm, ein Buch "nicht gelesen" zu haben? Kann es womöglich sogar von Vorteil sein?

Wie äußert man sich über ein ungelesenes Buch, wenn man plötzlich den Buchautor vor sich hat? Oder eben vor der oder dem Liebsten eine gute Figur machen muss? Was passiert, wenn sich zwei Personen über ein Buch unterhalten, das sie beide nicht gelesen haben?

Schämen Sie sich nicht! empfiehlt Bayard. Setzen Sie sich durch und erfinden Sie notfalls die nötigen Bücher.

Der italienische Renaissancedichter Alessandro Garberini ist übrigens auch frei von mir erfunden. Pierre Bayard dagegen nicht. Und ich habe das hier besprochene Buch auch tatsächlich gelesen. Doch! Indianerehrenwort... ;-) Und hier kommt meine Bewertung:

Bayards neuestes Werk ist ein äußerst humorvolles, tiefsinniges und intelligentes Buch. Absolut empfehlenswert. Es besteht die Gefahr, dass Sie es aufklappen und dann nicht mehr aus der Hand legen werden, bis sie am hinteren Buchdeckel angelangt sind. Zumindest dieses Buch hat richtig gute Chancen, von einer Menge Leute tatsächlich "gelesen" zu werden.

Montag, 7. Januar 2008

Wortverknüpfungsphantasien...

Da sag noch einer in alten lateinischen Rhetorikschmökern recherchieren zu müssen sei trocken und geistabtötend!

Heute gefunden: Quintilian schreibt über die Fehler bei der Verknüpfung einzelner Wörter, dass es kritikwürdig sei, wenn man zwei Wörter so hintereinandersetzt, dass die letze Silbe des ersten Wortes mit der ersten Silbe des zweiten Worts ein unschönes bzw. unanständiges Wort ergibt.
(Quelle: Marcus Fabius Quintilianus: Institutio oratoria, IX,4,33.)

Uh, da sind der kreativen Phantasie ja keine Grenzen gesetzt...

Sonntag, 6. Januar 2008

"Muss ich denn erst Argumentationstheorie und Logik pauken, um meinen Chef zu einer Gehaltserhöhung überreden zu können?" (Teil 2)

"Theoretisches Wissen und praktisches Wissen, schön und gut", lautet die Antwort dann meistens, "aber jetzt bin ich nun mal weder Verkaufsprofi noch Politiker, also muss ich eben doch Rhetoriktheorie pauken, um meinem Chef ein paar Euro Gehalt mehr zu entlocken."

Ok, vielleicht müssen Sie tatsächlich ein bisschen...

Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass viele Leute über mehr praktische rhetorische Kompetenz verfügen, als sie selbst glauben; man muss ihr nur ein wenig auf die Sprünge helfen. Wenn Sie sich die richtigen Fragen stellen, werden deshalb viele Antworten "wie von selbst" kommen...

Vielen Leuten, die tatsächlich nicht vorhaben, Kommunikationsprofis zu werden, sondern eben nur "den Chef mal um eine Gehaltserhöhung bitten" wollen, hilft deshalb oftmals bereits ein einigermaßen "untheoretischer" Fragenkatalog in Verbindung mit wenigen praktischen Tipps, um ihre verborgenen Kompetenzen zu Tage zu fördern.

Als hilfreich erwiesen sich vor allem folgende sieben Punkte:

  1. Überlegen Sie sich im Voraus genau, was sie sagen wollen.

    Kommunikation ist das Werkzeug, das sie dazu einsetzen, Ihr Ziel zu erreichen. Wählen Sie Ihre Werkzeuge deshalb sorgfältig im Voraus aus. Falls Sie nicht ausgesprochen geübt sind, begeben Sie sich nicht unvorbereitet in ein wichtiges Gespräch, um "mal zu sehen, was sich so ergibt"!

  2. Verschaffen Sie sich Klarheit über die eigenen Zielvorstellungen und Präferenzen. Verschaffen Sie sich ebenfalls Klarheit darüber, was auf keinen Fall passieren soll.

    Je genauer Sie darüber Bescheid wissen, was Sie erreichen und vermeiden wollen, desto geeigneteres Werkzeug können Sie für diese Zwecke aussuchen. Wer nicht sicher weiß, ob er einen Nagel in die Wand schlagen oder ein Loch für einen Dübel bohren will, ist nicht in der Lage, geeignete Werkzeuge zu wählen!

  3. Ausschlaggebend für die Wahl ihrer "kommunikativen Werkzeuge" ist immer Ihr Gesprächspartner!

    Verschaffen Sie sich daher Klarheit darüber, mit wem Sie sprechen und welche Rolle Ihr Gesprächspartner während des Gesprächs einnimmt. Wenn Sie mit Herrn Müller als Ihrem Chef sprechen, wird er sich anders verhalten, als wenn Sie mit Herrn Müller als Ihrem Nachbar sprechen oder mit Herrn Müller als Familienvater usw. Beachten Sie besonders bestehende Machtverhältnisse, die möglicherweise zwischen Ihnen und Ihrem Gesprächspartner relevant werden könnten. Eine Bitte an den Chef muss in jedem Fall in einem anderen "Ton" formuliert werden als ein Vorschlag an einen Mitarbeiter. Wozu man Person A "dringend auffordern" kann, das kann man unter Umständen von Person B nur "höflich erbitten" etc.

    Wichtig: Bedenken Sie unbedingt, dass die besten Argumente nicht die sind, die Sie selbst für die überzeugendsten halten, sondern die, die Ihr Gesprächspartner für am überzeugendsten halten wird. Schließlich wollen Sie nicht den Preis für besonders formvollendetes Argumentieren gewinnen, sondern möglichst sicher Ihr Ziel erreichen!

  4. Bedenken Sie im Voraus, welche Reaktionsmöglichkeiten Ihr Gesprächspartner auf Ihre Gesprächsbeiträge hat bzw. welche Reaktionen Ihres Gesprächspartners wahrscheinlich sind.

    Machen Sie sich bereits bevor Sie ins Gespräch gehen klar, welche möglichen Einwände Ihr Gesprächspartner erheben könnte und wie Sie diese (vielleicht sogar schon bevor sie erhoben werden) entkräften könnten.

  5. Denken Sie darüber nach, in welcher Situation Sie sprechen.

    Wo sprechen Sie? Wann sprechen Sie? Wer ist noch anwesend? Zu welchem Anlass sprechen Sie? Und so weiter. Bedenken Sie auch, dass Sie Ihr Anliegen möglicherweise in bestimmten Situationen leichter verwirklichen können als in anderen. (Ist Ihr Chef z.B. zugänglicher, wenn Sie in der Mittagspause ein informelles Gespräch unter vier Augen bei einer Tassee Kaffee beginnen, oder schätzt er es eher, wenn man rechtzeitig vorher einen offiziellen Termin mit seiner Sekretärin vereinbart?) Beachten Sie, dass ein informelles Gespräch in der Mittagspause in einem anderen Ton geführt werden kann und muss als ein offizielles Gespräch im Büro Ihres Chefs, besonders wenn noch andere Personen anwesend sind etc.

  6. Denken Sie über die Angemessenheit Ihrer Aussagen nach.

    Ist das, was Sie sagen und wie Sie es sagen, in der Situation, in der Sie es sagen, angemessen? Ist das, was Sie sagen, angemessen im Bezug auf Ihr Ziel? Ist es angemessen im Bezug auf Ihren Gesprächspartner und angemessen im Bezug auf Ihre eigene Person? Ist es möglicherweise unter bestimmten Umständen nützlich, sich unangemessen zu verhalten? (Unterschätzen Sie aber nicht das Risiko solcher "unangemessenen Kommenare".)

  7. Denken Sie schließlich nicht nur an Ihre kurzfristigen, sondern auch an Ihre langfristigen Ziele!

    Durch provokatives Verhalten oder "Ramboverhalten" können Sie möglicherweise in einer bestimmter Situation Ihr Ziel sehr gut erreichen - langfristig kostet es Sie allerdings Sympathien. Umgekehrt kann allzu "nettes" und "kooperatives" Verhalten kurzfristig Streitigkeiten verhindern - langfristig stehen Sie damit möglicherweise als der "gutmütige Trottel, mit dem man alles machen kann" da. Beachten Sie deshalb in jedem Gespräch auch immer die langfristigen Folgen, die dieses für Sie haben kann.

"Muss ich denn erst Argumentationstheorie und Logik pauken, um meinen Chef zu einer Gehaltserhöhung überreden zu können?" (Teil 1)

Immer wieder werde ich danach gefragt, wieviel theoretisches Wissen über Rhetorik notwendig ist, um überzeugend kommunizieren zu können. "Muss ich denn erst Argumentationstheorie und Logik pauken, um meinen Chef zu einer Gehaltserhöhung überreden zu können?" ist so eine typische Frage.

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz einfach. Zunächst ist nicht alles "Wissen", das eine Person besitzt, theoretisches Wissen. Besonders wenn es um Sprechen und Sprache geht, spielt das "praktische Wissen", die "Handlungskompetenz" einer Person eine wichtige Rolle. Es geht um ein Wissen, das die Menschen dazu befähigt, bestimmte Dinge quasi "intuitiv" erfolgreich zu tun, ohne dass sie die theoretischen Hintergründe dafür benennen könnten.

Personen deren Muttersprache Deutsch ist, wissen sehr genau, dass die Sätze "Martin ist groß" und "Martin ist ein großer Mann" korrekt sind, die Sätze "Martin ist großer" und "Martin ist ein groß Mann" dagegen nicht. Dafür brauchen sie kein theoretisches Wissen über die Grammatik des Deutschen zu haben. Sie müssen nicht wissen warum das so ist, es reicht ihnen zu wissen, dass es sich so verhält. Ihr praktisches Wissen, das sie durch jahrelanges Sprechen erworben haben, reicht aus. - Das bedeutet allerdings nicht, dass ein theoretisches Wissen über die deutsche Grammatik nicht (besonders in kniffligen Fällen) sehr hilfeich und vorteilhaft für den einzelnen sein kann, besonders, wenn Deutsch z.B. eben nicht seine Muttersprache ist.

Ähnlich wie mit der "grammatischen Kompetenz" ist es auch mit der "kommunikativen" oder "rhetorischen" Kompetenz. So entwickeln beispielsweise professionelle Verkäufer oder Politiker mit der Zeit ein unglaubliches "intuitives Gespür" , ein "praktisches Wissen" dafür, welches Argument in einer bestimmten Situation "zieht", welche Formulierungen bei einer bestimmten Person besonders gut "ankommen" und welche eben nicht. Das muss ein Verkäufer nicht theoretisch begründen und erklären können; es ist für ihn einfach "Intuition" und "es funktioniert". - Das bedeutet allerdings nicht, dass ein theoretisches Wissen über Rhetorik nicht hilfreich und vorteilhaft für Sie sein kann; besonders wenn Sie eben nicht Verkaufsprofi oder Politiker mit jahrzehntelanger Berufserfahrung sind.