Dienstag, 20. Mai 2008

1001 Nacht

"Unserem großzügigen, hochgebildeten und vornehmen Publikum sei hiermit kundgetan, daß dieses köstliche und sehnlich erwartete Buch mit der Absicht geschrieben wurde, einem jeden nützlich zu sein, der darin liest. Hier finden sich höchst lehrreiche Lebensgeschichten, dazu wunderbare Gedanken für Menschen von hoher Bildung. Man kann die Kunst der Rede aus ihnen ebenso lernen wie eine lückenlose Geschichte der Könige seit dem Anbeginn der Zeiten. Ich habe es 'Das Buch von Tausendundeiner Nacht' genannt. Dieses Buch erzählt auch prachtvolle Lebensgeschichten, durch die jeder, der sie hört, Menschenkenntnis erwirbt, so daß ihn keine Hinterlist mehr treffen kann. Darüber hinaus wird dem Zuhörer Erholung und Freude zuteil in Zeiten des Kummers über die Zeitläufte, die zu bösen Taten verführen wollen, doch Gott, der Erhabene, leitet uns auf die rechte Bahn."
Gerade ist mir eine Version von "Tausendundeine Nacht" unter die Hände geraten. Nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi, in der wunderschönen Übersetzung von Claudia Ott mit einem Nachwort zu Überlieferung und Übersetzung. Diese Überlieferung ist ein Fragment, daher endet das Buch nach der 282. Nacht.

"Tausendundeine Nacht" ist eine Faszination für sich, wahrscheinlich eine der besten Geschichten- und Gedichtesammlungen, die die Welt zu bieten hat. Die ältesten der darin enthaltenen Geschichten haben ihre Ursprünge anscheinend vor über 2000 Jahren in Indien, sind beispielsweise in buddhistischen Schriften des 1. Jhdts. v. Chr. überliefert. Die Erzählungen fanden wohl über das Persische Eingang in die arabische Literatur und wurden dort zu Perlen der orientalischen Erzählkunst geschliffen; neue Geschichten kamen hinzu, z.T. magische Abenteuergeschichten aus dem Ägypten des 11. und 12. Jahrhunderts. Ein autorloses Buch, mit variierendem Geschichtenbestand, oft fragmentarisch. Ein Buch der Volksliteratur voller Abenteuer, Erotik, Magie, Phantastik und Symbolik; ein "verbotenes" Werk, bei vielen gebildeten arabischen Lesern im Verruf und dennoch - gerade deswegen! - gerne gelesen. 1704 schließlich veröffentlichte der Franzose Antoine Galland eine französische Fassung von "1001 Nacht" erstmals in Europa, allerdings hielt er sich nicht streng an den Inhalt seiner arabischen Vorlage. Die Erfolgsgeschichte der Erzählungen aus 1001 Nacht in Europa begann. (Siehe das Nachwort von Claudia Ott.)

Allerdings ist es mir bisher noch nie in den Sinn gekommen, das ganze als Rhetoriklehrbuch zu lesen, wie die Vorrede hier nahelegt. Als Lehrbuch über die Kunst des Redens und des Geschichtenerzählens - was im Arabischen damals offenbar noch sehr viel enger zusammenhängt als heute bei uns; eine Sache, über die nachzudenken sich lohnen würde. Ursprüngliche, abenteuerliche, erotische Geschichten. Unerhaltsame Geschichten. Spannende Geschichten. Geschichten zum genießen, inhaltlich und stilistisch. Geschichten, die man gerne immer wieder hören mag. Geschichten, wie man sie vielleicht von einem "alten arabischen Caféhauserzähler" erwartet. Oder von einem Lügner, aber Lügner sind immer die besten Geschichtenerzähler. Jedenfalls kann ich es kaum erwarten, das Buch von vorn bis hinten durchzulesen.



Literatur:
Tausendundeine Nacht. Aus dem Arabischen von Claudia Ott. dtv: München 2006.

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